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Motivation und Verstärkung

Motivation und Verstärkung: Der Verbal Behavior-Ansatz zur Autismus-Intervention der Angewandten Verhaltensanalyse (ABA – Applied Behavior Analysis)

von Robert Schramm, MA, BCBA

 

Das Leben ist eine Reise. Es ist die ständige Suche nach einem besseren Weg. Wir suchen nach einem besseren Weg unseren Kindern etwas beizubringen, Freundschaften zu schließen und aufrechtzuerhalten, Geld zu verdienen, unseren Papierkram zu ordnen und die Kontrolle über unser hektisches Leben zu behalten. Erfolgserlebnisse machen uns dabei zunehmend besser darin, jene Verhaltensweisen zu wiederholen, die uns zu diesen gewünschten Ergebnissen führen. Andersherum beginnen wir genauso, diejenigen Verhaltensweisen zu vermeiden, welche sich bei der Erreichung unserer Ziele als ungeeignet herausgestellt haben. Dies ist das Grundkonzept des Behaviorismus.

Bereits bevor sie ihren Namen erhielt, war Autismus eine mysteriöse Krankheit. Je länger unsere Gesellschaft sich mit Autismus beschäftigt, desto effektiver sind wir in der Lage, diejenigen als autistisch zu identifizieren, die die autistisch geltenden Kriterien aufzeigen. Obwohl jedes Jahr mehr Personen als autistisch diagnostiziert werden, hat sich das Kriterium für Autismus nicht verändert. Was sich vermutlich ändert ist vielmehr unsere Interpretation der Kriterien und/oder die Anzahl der Personen, welche in deren Geltungsbereich fallen. Ein Kind wird als autistisch diagnostiziert, wenn es zumindest sechs spezifische Verhaltensdefizite in drei unterschiedlichen Kategorien zeigt. Diese drei Kategorien sind soziale Interaktion, Kommunikation, sowie Verhalten und Interessen. Defizite beinhalten das Fehlen angemessenen Blickkontakts, Misserfolg beim Aufbau angemessener Beziehungen zu Gleichaltrigen, Fehlen spontaner Versuche sich an freudvollen Aktivitäten zu beteiligen sowie das Fehlen von abwechslungsreichen, spontanen Fantasie-Spielen. Weitere Anzeichen können Verzögerung oder vollständiges Ausbleiben gesprochener Sprache, die Verwendung stereotyper oder repetitiver Sprache, Beschäftigung mit ein oder mehreren abnormalen Interessensstrukturen sowie stereotype oder repetitive motorische Bewegungen beinhalten. Bitte bedenken Sie, dass dies nur eine unvollständige Liste ist. Eine vollständige Liste autistischer Verhaltensweisen finden Sie im DSM-IV-TR („Diagnostic and Statistical Manual“), welches im Jahr 2000 als revidierte Fassung von der „American Psychiatric Association“ herausgegeben wurde. Sofern Ihr Kind ein bestimmtes Minimum dieser Verhaltensdefizite in den spezifischen Kategorien zeigt, erhält es vermutlich die Diagnose auf Autismus. Zusätzlich müssen diese Defizite vor dem dritten Lebensjahr Ihres Kindes auftreten und dürfen keinem anderen Problem zuzuordnen sein, wie beispielsweise dem Rett-Syndrom. Zeigt Ihr Kind genügend dieser Verhaltensweisen, hat aber frühzeitig gelernt zu sprechen, so wird es unter Umständen die Diagnose auf Asperger-Syndrom erhalten.

Für Eltern, dessen Kind die Diagnose Autismus bekommen hat, beginnt eine neue Reise. Diese Reise ist die Suche nach einem besseren Weg, um ihrem Kind zu helfen, jene Fähigkeiten zu erlernen, welche notwendig sind, um ein glücklicheres und erfüllteres Leben zu führen. Das Problem bei dieser Reise besteht darin, dass für diejenigen, welche in abgeschiedeneren Teilen der Welt ohne Verbindung zu anderen Menschen in vergleichbaren Situationen leben, die Strasse zumeist leer und einsam ist mit nur wenigen Zeichen, welche den Weg weisen. Andersherum ist für jene, die in Verbindung zur größeren Autismus-Gemeinschaft stehen, diese Strasse mit Zeichen in nahezu jede denkbare Richtung überhäuft. Unter beider dieser Umstände ist es für Eltern unmöglich, Wachsen und Entwicklung ihrer Kinder zu leiten, ohne dabei Verwirrung, Angst und Schuld zu erleben.

Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen können und werden von ihrem Umfeld lernen. Die Wissenschaft der Applied Behavior Analysis (ABA; Angewandte Verhaltensanalyse) in Verbindung mit Verbal Behavior (VB; sprachliches Verhalten) zeigt uns, wie wir das Umfeld der Kinder umgestalten können, so dass sie ein erfolgreicheres Leben führen können. Viele Jahre war die Wissenschaft der ABA in der Welt des Autismus bekannt als Verhaltensmodifikation oder auch als Lovaas-Methode. Es ist jedoch angemessener, Dr. Lovaas und andere wie ihn, als die Entwickler der ersten Anwendungen von ABA zu bezeichnen, die genutzt wurden, um Menschen die als autistisch galten zu helfen. Die Prinzipien, auf denen die Programme von Dr. Lovaas basierten, wurden von B. F. Skinner entwickelt und befinden sich in seinem Buch mit dem Titel „The Behavior of Organisms“ (veröffentlicht 1938; Verhalten der Organismen). Obgleich Dr. Lovaas soviel dazu beitrug, dass Andere ABA als eine Methode zur Vereinfachung des Unterrichtens von Kindern mit Autismus erkannten, so würde dennoch aus der Sicht heutiger Standards, das damalige Verständnis vom Einsatz behavioristischer Prinzipien allgemein als grob und unangemessen gelten. Zeit und wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch zu großen Verbesserungen dieser frühen verfahrensmäßigen Methoden der ABA geführt. Obwohl ABA aufgrund der von vielen professionellen Anwendern der Verhaltensmodifikation in den 1970er und sogar den frühen 1980er Jahre genutzten Vorgehensweisen weiterhin ein unglückliches Stigma anhaftet, hat sich die Wissenschaft der ABA über die Jahre dennoch stetig weiterentwickelt. Während ältere Techniken und Strategien getestet und verbessert wurden, hat sich gleichzeitig unsere Fähigkeit verbessert, zu verstehen, wie der Autismus Kinder beeinflusst und wie wir am besten den Autismus beeinflussen können. Gemeinsam mit der Wissenschaft der ABA hat sich auch ihre Effektivität weiterentwickelt. Die heute angewandte Verhaltensanalyse ähnelt nur noch wenig der ABA, die in den frühen Tagen der Autismus-Intervention eingesetzt wurde. Allgemein wurde der Gebrauch aversiver Techniken durch die Verwendung positiver Verstärkungsmechanismen ersetzt und der programmierte Unterricht entfiel zugunsten von Individualisierung und Spontaneität. Ungeachtet dieser und anderer an den Techniken vorgenommenen Änderungen, bleiben die Prinzipien Skinner’s als Grundlage all dessen gültig, was die angewandte Verhaltensanalyse (ABA) ausmacht.

ABA bedeutet wissenschaftlich als effektiv gesichertes Unterrichten. Die Nachweise wurden veröffentlicht, begutachtet und in den meisten Fällen von unabhängigen Quellen repliziert. Aus diesen Gründen ist ABA in vielen Teilen der Welt zum allgemein anerkannten Weg für Familien mit Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) geworden. Darüber hinaus ist ABA die derzeit einzige Form der Förderung für Autismus, welche vom obersten amerikanischen Amtsarzt der US-amerikanischen Gesundheitsbehörden mit langfristigen Erfolgsaussichten empfohlen wird. Als Behandlungsform für Autismus heißt es dazu im dritten Kapitel seines Berichts zur Psychischen Gesundheit („Report on Mental Health“) aus dem Jahre 1999: „Dreißig Jahre Forschung haben bestätigt, wie wirksam angewandte Verhaltensmethoden unangemessene Verhaltensweisen vermindern und Kommunikations- bzw. Lernfähigkeit sowie angemessenes Sozialverhalten aufbauen.“

Eltern, die mit den frühen Methoden der ABA in Berührung kamen, mußten oftmals eine extrem schwierige Entscheidung treffen. Obwohl mit jedem Jahr neue Beweise für die Effektivität von ABA beim Unterrichten der Kinder von Verhalten und allgemeinen Lernfähigkeiten hinzukamen, mußten Eltern sich mit der Anwendung von Prozeduren auseinandersetzen, die oftmals nur schwer zu akzeptieren waren. Den Eltern wurde gesagt, es gäbe einen Weg ihren Kindern zu helfen effektiver zu lernen, die Methoden aber, welche dies ermöglichen sollten, waren oft widerwärtig. So war für viele Jahre ABA ein großer Gewinn für einige Familien, während viele andere entschieden, dass das Ergebnis den Prozeß nicht rechtfertigte.

In den vergangenen 30 Jahren hat ein Wandel stattgefunden, welcher es uns erlaubt zu sagen, dass ABA nunmehr für nahezu alle Familien von Kindern mit Autismus und seinen verwandten Störungsbildern die richtige Wahl darstellt. Dieser Wandel war die Entwicklung des Verbal Behavior (VB) - Ansatzes zur ABA. Ein gutes ABA/VB-Programm ist dazu gemacht, einem Kind die Gründe hinter dem Geben und Nehmen, welches so wichtig für seine Verbindung mit der sozialen Umwelt ist, zu vermitteln. Die Verbindung des Kindes mit dieser natürlichen, gesellschaftlichen Verstärkung wird es motivieren, gewinnbringende Beziehungs- und Lernentscheidungen über die Unterrichtssituation hinaus zu treffen. Der Verbal Behavior – Ansatz hat ABA vom mechanischen, repetitiven Unterrichten am Tisch der Vergangenheit hin zu einem natürlichen, Beziehungen aufbauenden, ganzheitlichen Lern- und Förderprogramm entwickelt.

VB ist beides, eine Philosophie der angewandten Verhaltensanalyse und eine Serie von auf Nachweis basierenden Lerntechniken, welche die Prinzipien der ABA auf den Erwerb von Sprachfähigkeiten fokussieren. Die Menschen, welche VB entwickelten, darunter Dr. Jack Michael und andere, einschließlich Dr. James Partington und Dr. Mark Sundberg, hatten eine neue Serie von Techniken zur Anwendung von Dr. Skinners Buch „Verbal Behavior“ von 1958 auf die Bedürfnisse von Kindern mit verzögertem Spracherwerb begründet. Die Unterschiede in der Herangehensweise des Verbal Behavior - Ansatzes zur Autismus-Intervention, machten schließlich das wahre Potential von ABA erkennbar. In dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von den späten 1990er bis in die 2000er Jahre ist Verbal Behavior in den Vereinigten Staaten von Amerika die Förderform der Wahl für Menschen mit Autismus geworden.

Das Ziel jedes guten ABA/VB-Programms ist die Identifikation der natürlich auftretenden Motivation eines Kindes, deren Erfassung und deren Nutzung als Hilfe beim Lernen. Dadurch wird es uns möglich, neue, typischere oder angemessene Wünsche zu seiner Liste motivierender Dinge hinzuzufügen, während wir gleichzeitig die weniger angemessenen Motivatoren für das Kind an Wichtigkeit verlieren lassen. ABA ist die Beobachtung von Interaktion, und die Anwendung dieser Beobachtungen um Menschen zu helfen, auf bedeutende Weise erfolgreicher zu sein. Verstärkung ist das Grundprinzip, welches ABA und seine Erfolge über die Jahre hinweg vorangetrieben hat. Dieses Prinzip besagt, dass alles was auf ein Verhalten folgt und die Wiederauftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhaltens erhöht, einen Verstärker für eben jenes Verhalten darstellt. Zusätzlich bietet uns Verbal Behavior ein detailliertes Verständnis für Motivation. Motivation ist zunächst der Grund, warum ein Kind versuchen wird, eine Fähigkeit zu erwerben. Verstärkung ist der Grund, weshalb das Kind beim nächsten Mal mehr internale Motivation haben wird und weniger externale Motivation brauchen wird. Die gemeinsame Anwendung von Motivation und Verstärkung wird den stetig wachsenden Wunsch erzeugen, jedwede Fertigkeit zu erlangen, auf die diese beiden Prinzipien konsistent angewendet werden. Diese letzte Feststellung ist von herausragender Bedeutung, da sie deutlich macht, warum ABA und Verbal Behavior dabei helfen, dass das Kind sich den Lernprozeß wünscht. Wird Ihr Kind konsistent zum Erlernen neuer Fähigkeiten motiviert und stellt es fest, dass die erfolgreiche Bewältigung dieser Fähigkeit beständig mit positiven Erfahrungen einhergeht, so wird es ein stetig wachsendes Verlangen danach haben, die Fähigkeit erneut zu zeigen. Wenn Sie in der Lage sind, die beiden Prinzipien der Verstärkung (ABA) und Motivation (VB) auf alle Fähigkeiten anzuwenden, welche Sie Ihrem Kind beibringen möchten, wird es beginnen sich zu wünschen, jede Fähigkeit die Sie ihm beibringen möchten, zu erlernen.

Dank ABA, und in weiten Teilen Dank der Fortschritte des Verbal Behavior - Ansatzes zur ABA, erzielen jedes Jahr immer mehr Kinder wichtige Fortschritte und erholen sich von den Auswirkungen des Autismus. Einer der Hauptgründe für diesen Erfolg, ist der Einbezug der Eltern, als die wichtigsten Lehrpersonen ihrer Kinder. Zu viele Jahre wurden die Eltern an die Seite gedrängt, während man erwartete, dass sie zusahen, wie ihre Kinder mehr und mehr zurückfielen und gleichzeitig kontrollierend wurden. Im modernen Behaviorismus geht man nun davon aus, dass Eltern und Lehrer selbst die Prinzipien von ABA und die Herangehensweisen von Verbal Behavior erlernen können. Sind Ihnen diese Methoden erst einmal bekannt, können Sie beginnen, jede sich in ihren täglichen Interaktionen mit dem Kind bietende Gelegenheit zu ergreifen.

Eines der besten Beispiele für ein solches Szenario stammt aus einer Familie, welche zwei Kinder mit Autismus hatte. Der Name der Mutter ist Juliet Burk und die Verwendung von „hatte“ ist korrekt, da Juliet`s zweiter Sohn Ethan seit Juli 2004 keine autistischen Symptome mehr aufzeigt. Juliet und das Team von Helfern, welches sie zu Hause unterstützte, hatten innerhalb von etwa vier Jahren die Bezeichnung „Autismus“ vom jüngeren ihrer zwei Söhne nehmen können.

„Ich habe zwei Kinder mit einer Störung des autistischen Spektrums. Eines ist vollkommen genesen und würde es gar nicht fassen, wenn Sie ihm sagten, dass es früher mal irgendwie autistisch war. Sein Autismus ist weg. Keine Anzeichen mehr. GAR KEINE! Mit meinem anderen Kind ist es viel besser geworden. Es muss sich immer noch anstrengen, aber es kommt zurecht im Leben und hat Freude daran… Keiner hat mir versprochen, dass es eine Recovery geben könnte. Solche Versprechungen hatte ich nie gehört. Stattdessen hatten mich alle eher vorgewarnt, dass ‚die Absonderlichkeiten bleiben’. Aber die engagierten Pädagogen, unsere Engel, machten mir anhand der Fortschritte immer Hoffnung.“ (Juliet Burk)

Wenn die Therapeuten oder Lehrer bei der Förderung Ihres Kindes nicht irgendeine Form von ABA anwenden, sind sie sich wahrscheinlich über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand nicht bewusst. Wenn sie bei Ihrem Kind zwar ABA anwenden, aber Verbal Behavior kein Bestandteil ihres Lehrprogramms ist, dann liegen sie hinter den verfügbaren Forschungen zurück und sind somit nicht in der Lage, den meisten Kindern mit Autismus optimale Interventionsmethoden anzubieten.

Autismus ist eine Spektrums-Störung, die eine immer größer werdende Prozentzahl der Bevölkerung betrifft. Sie beeinflußt die Fähigkeit eines Kindes angemessen zu interagieren. Dies in vielen sozialen und lernbezogenen Kategorien. Ohne eine angemessene Förderung werden viele der Kinder von den kontrollierenden Effekten des Autismus mehr und mehr eingenommen, bis sie schließlich nicht mehr in der Lage sind, selbst einfache menschliche Interaktionen zu beherrschen. Ohne Training verstärken und motivieren Eltern und Lehrer, zumeist unbeabsichtigt, zunehmend problematischere Verhaltensweisen. Wenn Sie es jedoch schaffen, ein besseres Verständnis für Ihr Kind zu entwickeln und die ABA/VB - Prinzipien und Techniken zu erlernen und anzuwenden, dann können Sie Ihrem Kind helfen, sein diagnostizierbares Verhalten zu reduzieren. Gleichzeitig helfen Sie Ihrem Kind dabei mehr Lebensqualität zu erlangen.